Nieren und Harnwege


Erkrankungen der Harnblase und der Harnröhre

Blasenentzündung

Blasenentzündung (Zystitis, Blasenkatarrh, etwas verallgemeinernd auch untere Harnwegsinfektion, HWI): meist bakterielle Entzündung der Blasenschleimhaut, häufig gleichzeitig auch der Harnröhre (= Urethritis) und seltener auch des Nierenbeckens (Pyelonephritis), daher der verallgemeinernde Begriff „Harnwegsinfekt“. Die Blasenentzündung ist vor allem bei Mädchen und Frauen eine der häufigsten bakteriellen Infektionen. Drei Viertel aller Erkrankungen werden von E.-coli-Bakterien ausgelöst. Die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung steigt mit zunehmendem Alter. Männer und Frauen über 60 Jahre sind mit einem hohen Erkrankungsrisiko von 20 Prozent gleich stark betroffen. Bedrohlich wird die Blasenentzündung, wenn sie immer wieder auftritt (chronisch-rezidivierende Blasenentzündung) oder auf die Nieren übergreift. 

Leitbeschwerden

  • Schmerzen, Brennen beim Wasserlassen 
  • Häufiges Wasserlassen, auch nachts 
  • Manchmal zusätzlich Blut im Urin 
  • Krampfartige Schmerzen oberhalb des Schambeins. 

Bei Kleinkindern:

  • Wiedereinnässen, nachdem sie bereits trocken waren 
  • Erbrechen, Durchfall. 

Fieber, Flankenschmerz und ein stärkeres Krankheitsgefühl weisen auf die Mitbeteiligung der oberen Harnwege hin (Nierenbeckenentzündung).

Wann zum Arzt

Am nächsten Tag, wenn viel Trinken und Wärme keine Besserung bringen.

Heute noch, wenn zusätzlich Fieber oder Flankenschmerzen bestehen.

Die Erkrankung

Krankheitsentstehung. Die verursachenden Keime besiedeln von Natur aus den Darm. So ist das Bakterium Escherichia coli, das natürlicherweise im Dickdarm eines jeden Menschen zu Milliarden vorhanden ist, in ~ 70 % der Fälle Auslöser einer Blasenentzündung. Vor allem bei Frauen dringt es wegen der engen Nachbarschaft von Harnröhre und Darm und der relativ kurzen Harnröhre leicht in die empfindliche Blase ein. Das wird durch Geschlechtsverkehr begünstigt. Schrumpft nach den Wechseljahren durch den Östrogenmangel das Gewebepolster um die Harnröhre, wird die Barriere für die Krankheitserreger noch geringer. 

Auch ein Dauerkatheter verschafft den Bakterien ein permanentes Eintrittstor in die Blase, da zwischen Harnröhrenwand und Katheter oft eine Art „schleimiger Film“ entsteht. Bei Kindern dagegen sind Fehlbildungen der Harnröhre, wie Harnröhrenklappen, oft die eigentliche Ursache von Blasenentzündungen. Manchmal verursachen Nierensteine zwar keine Abflussbehinderung, an ihnen setzen sich aber Bakterien fest, die immer wieder ausgeschwemmt werden und zu wiederkehrenden Blasenentzündungen führen. Seltene Ursachen der Blasenentzündung sind die Bestrahlung (strahleninduzierte Zystitis) oder die Chemotherapie bei Krebspatienten. 

Eine Sonderform der Blasenentzündung ist die Honeymoon-Zystitis. Durch den Geschlechtsverkehr kommt es zu einer Übertragung von E.-coli-Bakterien. Zusätzlich wird die Harnröhrenmündung mechanisch gereizt. Dadurch haben die Keime Gelegenheit, die Harnröhre und die Blase zu infizieren. Die kurzzeitige Therapie mit einem Antibiotikum entspricht der bei der „normalen“ Blasenentzündung. 

Abgrenzung zu anderen Blasenerkrankungen. Nicht selten ist die asymptomatische Bakteriurie, die bei Patienten mit Blasendauerkatheter, aber auch bei 5 % der gesunden Frauen vorkommt: Hier entdeckt der Arzt auf dem Urin-Teststäbchen Bakterien, die aber keinerlei Beschwerden verursachen. Ist der Allgemeinzustand des Patienten gut, besteht keine Notwendigkeit zur Therapie. Nur in der Schwangerschaft sollte auch eine asymptomatische Bakteriurie behandelt werden. 

Häufig ist auch das Gegenteil der Fall: Die Reizblase, eine „irritierte“ Blase, und die interstitielle Zystitis sind Erkrankungen, die dieselben Beschwerden wie bei einer Blasenentzündung verursachen – aber weder Blase noch Harnwege sind mit Keimen besiedelt. 

Bei ausgeprägten Entzündungen ist der Übergang in eine Schrumpfblase mit faserig-bindegewebigem Umbau der Harnblasenmuskulatur und -wand möglich. Dann wird die Blasenwand immer starrer und die Blase kann kaum noch vollständig entleert werden. Die Therapie ist sehr schwierig. 

Verlauf und Komplikationen. Unbehandelt kann sich jede Blasenentzündung zur Nierenbeckenentzündung ausweiten. Besonders droht dies bei einem Hindernis in den Harnwegen (komplizierte Harnwegsinfektion, obstruktive Harnwegsinfektion), z. B. durch Harnleitersteine, Prostatavergößerung oder Tumoren. 

Häufig und zugleich sehr belastend für die Betroffenen ist die Entwicklung einer chronisch-rezidivierenden Blasenentzündung, bei der sich die Blasenentzündungen alle paar Wochen oder Monate einstellen. Dazwischen gibt es immer wieder weitgehend beschwerdefreie Perioden. Die Therapie eines Rückfalls unterscheidet sich nicht von der einer akuten Blasenentzündung, oft empfiehlt der Arzt aber die Dauervorsorge mit einem Antibiotikum, z. B. Nitrofurantoin (Uro-Tablinen®, 1–2 Tabletten täglich) oder Sulfamethoxazol/Trimethoprim (Cotrim®, 1 Tablette täglich). Dabei wird mindestens eine Tablette abends eingenommen, um den Wirkstoff über Nacht im Urin anzureichern. Auch die Entwicklung einer chronischen Blasenentzündung ist möglich, die dann schwächere Beschwerden verursacht, die aber nicht mehr verschwinden und nur schwer zu unterscheiden sind von einer Reizblase.

Selten verbirgt sich hinter chronischen Harnwegsentzündungen eine Tuberkulose. 

Das macht der Arzt

Die Blasenentzündung zeigt typische Beschwerden. Bei der Untersuchung identifiziert der Arzt einen deutlichen Druckschmerz oberhalb des Schambeins und bei Beteiligung der Nieren auch einen Klopfschmerz in der Nierengegend (Nierenlagerklopfschmerz). Ergänzt wird die Diagnose durch Urin-Teststreifen, mit denen weiße und rote Blutkörperchen sowie Nitrit im Urin nachgewiesen werden. Teststreifen bringen allerdings oft kein eindeutiges Ergebnis. Um Urinbestandteile, z. B. Harnsäurekristalle (Urate) oder Blutkörperchen, zu erkennen, wird anschließend ein Urinsediment durchgeführt. Wenn bei einer Blasenentzündung Blutbeimengungen im Urin auftreten (hämorrhagische Zystitis), ist das Ergebnis des Teststreifens ebenfalls verfälscht. 

Durch Bakterien verursachte Infektionen werden mit Antibiotika behandelt. Vor Therapiebeginn wird eine Urinkultur angelegt, um die Bakterien zu identifizieren und das entsprechende Antibiotikum zu wählen (Antibiogramm). Da dies mehrere Tage dauert, verordnet der Arzt zuerst ein Breitspektrum-Antibiotikum, das die wahrscheinlichsten Bakterien, meist Escherichia coli, bekämpft. Nach Vorliegen des Antibiogramms wechselt er gegebenenfalls das Medikament. Bleiben die Beschwerden trotzdem bestehen oder weist die Kontrolle des Urins weiter auf eine Blasenentzündung hin, sind vermutlich die Nieren beteiligt oder es liegt eine Behinderung des Harnabflusses vor. Dies weist der Arzt per Ultraschall nach und prüft auch, wie gut sich die Blase entleert (Restharnbestimmung).

In einer internationalen Studie mit über 4.000 Frauen untersuchten Forscher, gegen welche Medikamente die Bakterien inzwischen Resistenzen ausgebildet haben. Am wenigsten resistent waren die Bakterien gegenüber den Wirkstoffen Fosfomycin und Nitrofurantoin. Demnach können Ärzte diese Antibiotika uneingeschränkt einsetzen. Als ebenfalls wirksam erwies sich eine Einmaltherapie mit Fosfomycin-Trometamol. Die meisten Resistenzen gab es gegen die Antibiotika Cotrimoxazol und Trimethropin. Sie fallen deshalb künftig auch als Standardmedikamente weg. Fluorchinolone sind schweren Harnwegsinfektionen vorbehalten, da sie zu besonders schwerwiegenden Nebenwirkungen führen können und Bakterien gegenüber diesem Antibiotika zunehmend resistenter werden.

Bei Blut im Urin (Hämaturie) wird der Arzt eine Blasenspiegelung vorschlagen, um die Ursache zu klären. Diese wird aber erst nach Abklingen der Beschwerden durchgeführt. 

Da Schwangere  immer erweiterte Harnwege haben und besonders zu Blasenentzündungen neigen (die nicht selten Auslöser einer Frühgeburt sind), wird bei ihnen der Urin regelmäßig auf Zeichen einer Infektion kontrolliert. Besonders sorgfältig müssen auch Diabetiker betreut werden, denn sie sind für alle bakteriellen Infektionen anfälliger. 

Selbsthilfe

Trinken Sie sofort bei Beginn der Beschwerden regelmäßig und viel (3–4 l pro Tag), das schwemmt die Erreger aus. Geeignet sind Wasser, verdünnte Säfte oder ungesüßte Kräutertees. Vermeiden Sie Alkohol, Kaffee, schwarzen Tee. Spezielle Blasentees (aus der Apotheke) − meist mit Bärentrauben, Brennnessel, Goldrute, Schachtelhalm oder Birke − wirken harntreibend und leicht desinfizierend. 3–4 Tassen Blasentee pro Tag reichen aus. Entleeren Sie die Blase regelmäßig und vollständig. Gehen Sie aber nicht ständig auf die Toilette – bei manchen Menschen entwickelt sich sonst ein Automatismus, schon bei leichter Blasenfüllung einen starken Harndrang zu verspüren. Wärme wirkt schmerz- und krampflindernd: Legen Sie Wärmeflaschen, Kirschkernsäckchen oder Heublumenauflagen aus der Apotheke auf Unterbauch und Rücken oder setzen Sie sich darauf. Decken Sie sich dann mit einer Wolldecke zu, damit die Wärme länger hält. Hilfreich kann auch ein warmes Voll- oder Sitzbad mit Kamille (Kamillosan®) sein.

Blasentees mit Bärentraubenblättern dürfen maximal fünfmal im Jahr für je 1 Woche angewendet werden, da Abbauprodukte des Tees Leberschäden verursachen können.

Ernährung. Wer häufig Antibiotika eingenommen hat, kann mit einer Heilfasten-Therapie von mindestens sieben Tagen seinen Magen-Darm-Trakt entlasten. Danach muss die Darmflora wiederaufgebaut werden. Gleichzeitig sollten vorwiegend basische Lebensmittel verzehrt werden.

Vorsorge

Insbesondere Frauen leiden unter häufig wiederkehrenden Blasenentzündungen. Folgende Vorbeugungsmaßnahmen haben sich bewährt: 

  • Wischen Sie nach dem Toilettengang und bei der äußeren Reinigung des Intimbereichs stets von vorn nach hinten Richtung After − so vermeiden sie eine Verschleppung der Kolibakterien aus der Analregion in die Harnröhre.
  • Halten Sie Unterleib und Füße warm − Auskühlung schwächt das Immunsystem und bereits vorhandene Erreger vermehren sich schneller.
  • Bevorzugen Sie Wäsche aus luftdurchlässiger Baumwolle, die Schweiß und Feuchtigkeit ableitet. Synthetikstoffe und zu enge Kleidung fördern die Bildung eines feuchten Milieus, in dem sich Bakterien rasch vermehren.
  • Lassen Sie so viel Luft wie möglich an Ihr äußeres Genital, z. B., indem Sie nachts ohne Unterhose und im Nachthemd schlafen.
  • Wechseln Sie beim Baden im Sommer Ihre nasse Badekleidung sofort nach dem Schwimmen, wenn Sie sich noch sonnen wollen.
  • Manchmal begünstigt Sexualkontakt das Einwandern körpereigener Bakterien in die Blase. Nur selten handelt es sich um eine direkte Ansteckung. Deshalb empfiehlt es sich, nach dem Sex Wasser zu lassen − das schwemmt angeschleppte Bakterien wieder aus, bevor sie sich vermehren können. Die Genitalregion sollte am besten in einem Bidet gewaschen werden.
  • Spermizide Gels und mechanische Verhütungsmittel wie Portiokappe oder Diaphragma fördern Blasenentzündungen − wenn Sie diesen Verdacht haben, probieren Sie andere Verhütungsmethoden.
  • Falls Sie bisher Intimsprays verwendet haben: in den Müll damit! Auch sie fördern Blasenentzündungen. Benutzen Sie für die tägliche Reinigung des äußeren Intimbereichs am besten nur Wasser: Wenn Sie milde ph-neutrale Waschlotion bevorzugen, verwenden Sie diese lediglich in geringen Mengen.
  • Genügen alle diese Maßnahmen nicht, ist eine dauerhafte Vorbeugung mit einem Antibiotikum das einzige effektive Mittel, um Nierenschäden und ständige Erkrankungen des Harntrakts zu vermeiden.

Komplementärmedizin

Pflanzenheilkunde. Die Pflanzenheilkunde empfiehlt amerikanische Cranberries  (Vaccinium macrocarpon, Kranichbeere, großfrüchtige Moosbeere) als Saft je ein Glas morgens und abends. Die Beeren enthalten Substanzen, die bei regelmäßiger Einnahme offenbar das Anhaften der Bakterien in der Blase vermindern. Ob die heimischen, mit den Cranberries verwandten Preiselbeeren genauso gut wirken, ist nicht bekannt, die Vermutung liegt aber nahe. Um rezidivierenden Blasenentzündungen vorzubeugen, sind Präparate mit Methionin (z. B. Acimethin®, Methio TAD®) eine gute Wahl. Sie säuern den Urin an und hemmen so die Bakterienvermehrung. Häufig passen sich die Bakterien jedoch nach einer gewissen Zeit an die saure Umgebung an, sodass erneut Blasenentzündungen entstehen.

Ähnlich entzündungshemmend wie Cranberries wirken Teemischungen aus Liebstöcklwurzel, Rosmarinblättern und Tausendgüldenkraut.

Eine desinfizierende Wirkung haben auch Teemischungen und Präparate mit Goldrutenkraut  und Bärentrauben- und Orthosiphonblättern. Während die Blätter nicht länger als vier Wochen eingenommen werden sollten, kann die echte Goldrute als Teemischung oder Fertigpräparat bis zu drei Monaten eingesetzt werden. 

Wirksam ist eine Kombination aus Liebstöckel, Tausengüldenkraut und Rosmarinblättern (z. B. Canephron® N)

Ein Durchspülen der Blase fördern Teemischung oder Präparate mit Brennnessel, Birke, Goldrutenkraut, Hauhechelwurzel, Petersilienwurzel und Ackerschachtelhalmkraut.

Teerezeptur zur Durchspülungstherapie bei Blasenentzündungen (1 TL pro Tasse):

  • 30 g Bärentraubenblätter
  • 30 g Orthosiphonblätter (Katzenbartblätter)
  • 20 g Birkenblätter
  • 20 g Kamillenblüten 

Arzneimittel mit Senfölglukosiden aus Kapuzinerkressenkraut und Meerrettichwurzel (z. B. Angocin® Anti-Infekt N) wirken genauso gut wie eine Standard-Antibiotika-Therapie. Der Vorteil der pflanzlichen Präparate: Sie verursachen deutlich weniger Nebenwirkungen und sind dadurch besser verträglich. Präparate mit Senfölglukosiden eignen sich auch, um Harnwegsinfekten vorzubeugen.

Des weiteren hilft Löwenzahnsaft (3 x täglich 20 ml) im täglichen Wechsel mit Zinnkrautsaft. Zusätzliche Blasenauflagen mit Meerrettich oder Eukalyptusöl einmal täglich wirken unterstützend.

Homöopathie. Viele Homöopathen empfehlen bei einer akuten Blasenentzündung Okoubaka (Schwarzafrikanischer Rindenbaum). Die übliche Dosierung für Erwachsene beträgt dreimal täglich fünf Globuli in der Potenzierung D3 über eine Dauer von drei bis vier Wochen. Kinder erhalten dreimal täglich drei Globuli.

Als Klassiker der Nachbehandlung einer Blasenentzündung gilt Solidago (Goldrute) D3 in kurmäßiger Anwendung. Das bedeutet: Auf eine dreiwöchige Einnahme folgt eine einwöchige Pause, dann wieder eine dreiwöchige Anwendung. Dieser Zyklus kann über längere Zeiträume beibehalten werden.

Zur Vorbeugung einer Blasenentzündung bei bestehender Infektanfälligkeit eignet sich Pichi-Pichi (Falsche Heide). Es gilt als Ausleitungs- und Entgiftungsmittel und wird kurmäßig über mehrere Monate eingenommen. Weitere Anwendungsbereiche für Pichi-Pichi sind Grießbildung in Nieren oder Gallenblase sowie erhöhter Harnsäurespiegel.

Weiterführende Informationen

  • www.nierenstiftung.info – Internetseite der Deutschen Nierenstiftung, Hirschberg: Unter der Rubrik Infomaterial kann man eine Broschüre über Harnwegs- und Blasenentzündungen als PDF herunterladen oder über ein Formular per Post bestellen.
  • I. Ehmer: Blasenentzündungen, Blasenschmerzen … damit müssen Sie nicht leben. Zuckschwerdt, 2008. Fachlich sehr kompetenter Ratgeber einer Allgemeinärztin.
  • A. Kilmartin: Blasenentzündung. Anleitung zur Selbsthilfe. Trias, 2004. Informativer und leicht verständlicher Ratgeber, der viele Fragen beantwortet; mit praxisnahen Tipps und Selbsthilfeprogramm.
  • Knöpfel: Endlich Schluss mit Blasen-Entzündungen. Trias, 2003. Ratgeber mit vielen Tipps zur Selbsthilfe aus der Komplementärmedizin und einem umfangreichen Vorbeugungsprogramm.

Harnblasen- und Harnröhrenverletzungen

Harnblasen- undHarnröhrenverletzungen: Kommen fast nur im Rahmen von Mehrfachverletzungen (z. B. bei Verkehrsunfällen) vor, oft kombiniert mit einem Beckenbruch. Ausnahmen sind Harnröhrenverletzungen nach einem Sturz aus größerer Höhe oder Verletzungen von Harnröhre und Harnblase infolge operativer Eingriffe. Eine Verletzung der weiblichen Harnröhre ist sehr selten. Das Ausmaß der Verletzungen reicht von kleinen Einrissen in Harnblase oder Harnröhre über größere Blasenverletzungen bis hin zum vollständigen Abriss der Harnröhre.

Leitbeschwerden

  • Blutung aus der Harnröhre
  • Blutiger Urin
  • Bauchschmerzen
  • Schmerzen beim Wasserlassen
  • Harnverhalt (spontanes Wasserlassen ist nicht mehr möglich).

Das macht der Arzt

Harnröhrenverletzungen. Bei Verdacht auf eine Verletzung der Harnröhre wird zunächst Kontrastmittel in die äußere Harnröhrenöffnung gespritzt und ein Röntgenbild angefertigt (Urethrozystogramm), um anschließend einen Blasenkatheter zu legen. Diese Reihenfolge ist sehr wichtig, denn wenn der Arzt das Ausmaß der Verletzung noch nicht kennt und/oder der Katheter unachtsam gelegt wird, droht aus einem Einriss der Harnröhre ein kompletter Abriss zu werden.

Wenn das Urethro-Cystogramm ergibt, dass die Harnröhre intakt oder nur wenig eingerissen ist, legt der Arzt nun vorsichtig einen Katheter über die Harnröhre in die Blase. Ist sie hingegen stärker eingerissen, wird ein suprapubischer Blasenkatheter durch die Bauchdecke gelegt, um den Urin zur Entlastung der Harnröhre nach außen abzuleiten. Sehr häufig heilt die Verletzung so ohne weitere operative Maßnahmen ab. Handelt es sich um einen Harnröhrenabriss, wird für 3–4 Monate ebenfalls ein suprapubischer Blasenkatheter gelegt. Nachdem die Wunde verheilt ist, wird operiert, ansonsten drohen Harnröhrenverengungen.

Blasenverletzungen. Einrisse der Harnblase werden möglichst bald operativ verschlossen. Bis zur Heilung ist ein Dauerkatheter zur Ableitung des Urins notwendig.

Harnblasenkrebs

Harnblasenkrebs (Harnblasenkarzinom, Blasentumor, Urothelkarzinom): Bösartige Wucherung der Harnblasenschleimhaut, die durch Giftstoffe begünstigt wird. Männer – vor allem zwischen 60 und 70 Jahren – sind etwa dreimal häufiger betroffen als Frauen. Dabei lässt sich aktuell jeder zweite Blasenkrebs bei Männern wie Frauen auf das Rauchen zurückführen. Wird der Harnblasenkrebs früh entdeckt und hat er die Harnblasenwand noch nicht durchbrochen, bestehen gute Heilungschancen; die 5-Jahres-Überlebensrate beträgt dann ~ 90 %. In fortgeschrittenen Stadien ist oft die operative Entfernung der Harnblase erforderlich, was einen deutlichen Einschnitt in den Alltag bedeutet und meist zur Erwerbsunfähigkeit führt.

Leitbeschwerden

Frühstadium: In 80 % der Fälle sichtbare Beimengungen von Blut im Urin, typischerweise schmerzlos und ohne sonstige Beschwerden.

In späteren Stadien:

  • Manchmal häufiger oder verstärkter Harndrang
  • Schmerzen in der Nierengegend durch Harnaufstauung in den Nieren
  • Gewichtsverlust.

Wann zum Arzt

In den nächsten zwei Tagen, wenn Blut im Urin ist.

Sofort, wenn kein Wasserlassen mehr möglich ist.

Die Erkrankung

Harnblasentumoren sind bösartige Wucherungen der Blasenschleimhaut und stellen den häufigsten Krebs des Harntrakts dar. Sie entstehen nachweislich durch den schädlichen Einfluss krebsauslösender Giftstoffe, sodass Raucher ein stark erhöhtes Risiko für Harnblasenkrebs haben. Als Auslöser sind jedoch auch Substanzen aus der Industrie bekannt, die z. B. in bestimmten Haarfärbemitteln vorkommen oder in der Textil- und Lederindustrie verwendet werden. Harnblasenkrebs ist als Berufskrankheit anerkannt, wenn der Zusammenhang zwischen Schadstoffbelastung am Arbeitsplatz und der Erkrankung bewiesen werden kann.

Die Tumoren wachsen meist in Form kleiner Ausstülpungen (Polypen) direkt aus der Harnblasenschleimhaut und sind in 95 % der Fälle bösartig. Bei ~ 75 % der Erkrankungen handelt es sich um relativ gutartige papilläre (knospenartig wachsende) Krebsformen, die nur die innerste Schicht der Blasenwand betreffen und noch nicht in die Blasenmuskulatur eingewachsen sind. Eine Sonderform stellt das Karzinoma in situ, Blasen-CIS, dar: Es ist auf die oberflächlichen Schichten beschränkt und eigentlich ein sehr frühes Krebsstadium, dennoch ist es in der Blase wegen der raschen Ausbreitung in der gesamten Blasenwand prognostisch ungünstig. Liegt ein flächenhaft infiltrierender Harnblasenkrebs vor, so ist er bereits meist in die Muskulatur der Harnblase eingewachsen und breitet sich rasch in die angrenzenden Nachbarorgane (z. B. Prostata oder Gebärmutter) aus. Dies bedeutet eine deutlich schlechtere Prognose.

Ist der Urin stark blutig, besteht die Gefahr, dass Blutgerinnsel in der Blase zurückbleiben und schließlich den Blasenausgang verstopfen (Blasentamponade). Ein Wasserlassen ist dann nicht mehr möglich, es kommt zum Harnverhalt. Die Blutgerinnsel werden über einen Katheter oder endoskopisch entfernt.

Das macht der Arzt

Mit Urin-Teststreifen identifiziert der Arzt Spuren von Blut im Urin. Auch eine Urinkultur wird angelegt, da häufig eine begleitende Harnwegsinfektion besteht. Bei einer bereits mit bloßem Auge erkennbaren Blutbeimengung im Urin (Makrohämaturie) ist eine Abklärung umso dringender. Einen ersten orientierenden Hinweis kann ein Urin-Schnelltest (Bestimmung des Proteins NMP 22) geben, der jedoch auch häufig positiv ist, wenn kein Tumor vorliegt.

Per Ultraschall erkennt der Arzt eine bereits bestehende Harnstauung in den Nieren oder Ursachen für die Blutung wie Nieren- und Harnleitersteine. Tumoren sind erst ab einer gewissen Größe im Ultraschall sichtbar. Daher nimmt der Arzt schon bei einer einmaligen Mikrohämaturie eine Kontrastmitteluntersuchung des Harntrakts (Ausscheidungsurogramm) und eine Harnblasenspiegelung vor. Gegebenenfalls entnimmt er Urin direkt aus der Blase (Blasenspülzytologie), um Krebszellen nachzuweisen.

Mit den bildgebenden Verfahren CT, Kernspin und Knochenszintigrafie entdeckt der Arzt möglicherweise bereits vorhandene Metastasen.

Therapie

Die Therapie des Harnblasenkarzinoms hängt maßgeblich von der Art, dem Sitz und dem Stadium des Tumors ab. Problematisch ist, dass die Tumoren oft wiederkehren – in ~ 60 % der Fälle auch nach ihrer vollständigen Entfernung. Da die Gewebestruktur in Harnblase, Harnleiter und im Nierenbecken identisch ist, können die Tumoren gleichzeitig an verschiedenen Stellen auftreten. Die Therapie fortgeschrittener oder großflächiger Tumoren erweist sich als schwierig.

Operative Tumorentfernung (TUR-B). Handelt es sich noch um die papilläre Krebsvorstufe oder um einen oberflächlichen Krebs, genügt eine relativ kleine Operation über die Harnblasenspiegelung, die Transurethrale Resektion der Blase (TUR-B, TUR-Blase, verallgemeinernd auch Elektroresektion). Dazu wird unter Vollnarkose ein starres Rohr über die Harnröhre in Richtung Harnblase geführt, durch das sich zusätzliche Operationsinstrumente wie z. B. eine Hochfrequenzstrom führende Drahtschlinge einbringen lassen. Mit deren Hilfe wird ein oberflächlicher Tumor dann vollständig entfernt.

Die nachträgliche feingewebliche Untersuchung des entfernten Gewebes im Labor zeigt, wie weit der Tumor in die tieferen Schleimhautschichten eingewachsen ist. Wurde der Tumor durch die Biopsie bereits komplett entfernt, erübrigt sich oft auch jede weitere Therapie.

Wichtig sind in den ersten Jahren regelmäßige Harnblasenspiegelungen zur Kontrolle, denn in bis zu zwei Dritteln der Fälle kommt es zu einem Wiederauftreten. Je nach Stadium und Differenzierungsgrad der Tumorzellen werden diese meist wieder durch die TUR-B entfernt.

Seit einigen Jahren gibt es die Photodynamische Diagnostik (PDD), mit der auch kleinste Tumoren erkannt werden können. Vor der Operation wird die Blase mit einer fluoreszierenden Substanz gefüllt, die sich in den Tumorzellen anreichert. Wird der Tumor nun mit Licht einer bestimmten Wellenlänge bestrahlt, leuchten die Fluoreszenzmoleküle, sodass sich die Tumorzellen nun von den gesunden Gewebezellen deutlich unterscheiden und gezielter entfernt werden können.

Radikale Zystektomie. Ist ein Tumor bereits in tiefe Muskelschichten der Blase eingewachsen (infiltrierend wachsender Harnblasenkrebs), ist eine komplette Entfernung der Harnblase (radikale Zystektomie) nötig – vorausgesetzt, die umgebenden Lymphknoten und Organe sind noch nicht von Krebs befallen. Vorsorglich werden die Lymphknoten des Beckens bei der Operation mit entfernt, beim Mann zusätzlich zur Harnblase auch die Prostata (radikale Prostataektomie), bei der Frau die Gebärmutter, die Eileiter und die Eierstöcke sowie ein Teil der Scheidenwand.

Ohne Harnblase muss der Urin umgeleitet werden: Aus Teilen des Darms schafft der Operateur einen Harnblasenersatz (Neoblase), in den die Harnleiter eingepflanzt werden. Diese Eingriffe sind aufwendig und für den Patienten vorübergehend sehr belastend. Inzwischen werden sie in allen größeren urologischen Kliniken durchgeführt.

Folgen der kompletten Harnblasenentfernung. Trotz moderner Operationstechniken kommt es nach einer vollständigen Entfernung der Harnblase und anschließendem Ersatz zu unerwünschten Nebenwirkungen an der Ersatzblase und den Nachbarorganen.

Meist besteht zumindest am Anfang eine Harninkontinenz, denn das Halten und kontrollierte Entleeren des Urins muss erst wieder erlernt werden. Sehr hilfreich ist hierbei das Beckenbodentraining. Manchmal sind die Patienten jedoch nicht mehr in der Lage, die Ersatzblase vollständig zu entleeren, dann muss die Blase gegebenenfalls mehrmals täglich über einen Katheter entleert werden.

Männer verlieren durch den Eingriff ihre Erektionsfähigkeit, denn auch Prostata und Samenblasen müssen bei der Entfernung der Harnblase komplett entfernt werden. Dabei können die für die Erektion zuständigen Nervenstränge oft nicht geschont werden – die Libido aber bleibt erhalten.

Bei Frauen werden häufig die Eierstöcke mit entfernt, was im Alter unter 50 zu vorzeitigen Wechseljahrsbeschwerden führt.

Vorbehandlung und weitere Behandlungsmöglichkeiten. Generell lassen sich Blasentumoren mit Bestrahlung oder Chemotherapie schlecht behandeln.

Die Bestrahlung allein ist leider nur wenig wirksam und stellt deshalb keine Alternative zur operativen radikalen Blasenentfernung dar. Nur wenn der Patient nicht operiert werden kann oder es sein ausdrücklicher Wunsch ist, wird eine Bestrahlung vorgenommen. Die 5-Jahres-Überlebensrate liegt dann aber nur bei maximal 40 %.

Radiochemotherapie. Die Kombination aus Strahlen- und Chemotherapie, die Radiochemotherapie, erzielt etwas höhere Erfolge als die alleinige Anwendung eines der beiden Verfahren. Zuvor sollte der Blasentumor möglichst per TURB komplett entfernt worden sein.

Lokale Chemotherapie. Mit einem Immunmodulator (Wirkstoff, der das Immunsystem beeinflusst) wie BCG® aus abgeschwächten Tuberkuloseerregern lässt sich im frühen Tumorstadium oft das Tumorwachstum stoppen. Damit diese Chemotherapie nur im Blaseninneren wirkt, werden die Substanzen nach einem bestimmten Therapieschema (anfangs meist einmal wöchentlich, dann monatlich) über einen Katheter direkt in die Blase eingefüllt und dort für etwa 2 Stunden belassen – danach entsorgt sie der Patient wieder „auf natürlichem Wege“ (Instillationstherapie). Mögliche Nebenwirkungen sind Blasenentzündung und ein starker Reizzustand der Blase und gelegentlich Auslösung oder Aktivierung einer Tuberkulose.

Systemische Chemotherapie. Ist das Tumorwachstum bereits so weit fortgeschritten, dass der Tumor in die Muskulatur der Blasenwand eingewachsen ist, wird in Einzelfällen vor der operativen Entfernung der Harnblase eine systemische Chemotherapie eingesetzt, um den Tumor zu verkleinern. Hierbei werden die Medikamente durch eine Infusion verabreicht. Gelingt so eine Verkleinerung des Tumors, vereinfacht diese die Operation oder macht sie manchmal auch erst möglich.

Als alleinige Therapie wird die systemische Chemotherapie nur empfohlen, wenn bereits Fernmetastasen z. B. in Knochen, Leber oder Lunge vorliegen, der Tumor also bereits in andere Gewebe gestreut hat. Manchmal stellt sie jedoch die einzige Möglichkeit dar, die Überlebenszeit zu verlängern. Die Wirksamkeit ist aber begrenzt: Noch am besten hat sich eine Form der Chemotherapie bewährt, in der vier verschiedene Wirkstoffe nach einem bestimmten Schema eingesetzt werden (z. B. nach MVAC-Schema mit den Substanzen Methotrexat, Vinblastin, Adriamycin und Cisplatin). Nur in ~ 20 % der Fälle geht der Tumor vollständig zurück, und bei noch weniger Patienten hält der Erfolg langfristig an. Daher sind neue Schemata in Erprobung, die zum Teil auch verträglicher sind.

Prognose

Die 5-Jahres-Überlebensrate hängt davon ab, ob es sich um einen oberflächlich wachsenden Tumor handelt (5-Jahres-Überlebensrate ~ 85 %) oder um einen Tumor, der bereits in tiefere Gewebeschichten eingewachsen ist (5-Jahres-Überlebensrate maximal 60 %). Auch der Differenzierungsgrad der Tumorzellen und die Frage, ob bereits Metastasen vorliegen, haben Einfluss auf die Prognose.

Selbsthilfe

Wie bei allen Krebsarten ist auch die Diagnose „Blasenkrebs“ begleitet von dem Gefühl, „in ein tiefes Loch zu fallen“. Zudem muss sich der Patient häufig mit einer Blasenentfernung abfinden und die Nebenwirkungen und Folgen der Behandlung ertragen. Dazu gehören Beschwerden beim Wasserlassen, Potenzstörungen und (vorübergehende) Harninkontinenz nach der Operation. Daher ist nach überwundener Blasenkrebserkrankung eine Rehabilitation in einer Spezialklinik oder eine ambulante Nachsorge, abgestimmt auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten, sehr wichtig.

Sprechen Sie auf jeden Fall mit Ihrem Arzt über Ihre Ängste und Beschwerden. Inwieweit die folgenden Ratschläge in Ihrer ganz persönlichen Situation nützlich sind, können letztlich nur Sie selbst entscheiden:

  • Körperliche Aktivität setzt neue Energie frei: Machen Sie regelmäßig ein Ihrer körperlichen Verfassung angemessenes Ausdauertraining, etwa Wandern, Walking oder Schwimmen.
  • Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung − so fühlen Sie sich wohler und stärken Ihr Immunsystem.
  • Mobilisieren Sie Ihre inneren Kräfte: Entspannungsverfahren, kreative Tätigkeiten mit Musik und Literatur oder ein Hobby helfen Ihnen bei der Bewältigung der Krankheit.
  • Tauschen Sie sich mit anderen Betroffenen aus: Selbsthilfegruppen bieten Möglichkeiten, offen über Sorgen und Probleme zu sprechen.

Vorsorge

Ist der Blasenkrebs in einem Frühstadium per TUR-B entfernt worden, wird einem erneuten Wachstum sowie einer weiteren Ausbreitung von Tumorzellen in tiefere Gewebeschichten durch eine lokale Chemotherapie mit Zytostatika (z. B. Mitomycin C, Epirubicin oder Doxorubicin) oder dem Immunmodulator BCG® per Instillationstherapie vorgebeugt. BCG® wirkt zwar stärker als die anderen Medikamente, ist aber auch schlechter verträglich. Abgesehen von dem zusätzlichen immunmodulierenden BCG® beugen die Medikamente lediglich einem erneuten Auftreten von Tumoren vor.

Wenn das Tumorwachstum bereits fortgeschritten war, wird nach der radikalen Blasenentfernung häufig eine systemische Chemotherapie durchgeführt, um das Fortschreiten der Erkrankung zu reduzieren. Diese Chemotherapie beginnt in der Regel innerhalb der ersten 12 Wochen nach der Operation.

Besonders wichtig ist bei Blasenkrebs das Einhalten der empfohlenen Nachsorgeuntersuchungen – auch nach erfolgreicher Therapie.

Komplementärmedizin

Ausführliche Übersicht zu alternativen Krebstherapien

Weiterführende Informationen

  • www.krebshilfe.de – Internetseite der Deutschen Krebshilfe, Bonn: Unter der Rubrik Infoangebot gibt es eine ausführliche Übersicht zum Blasenkarzinom.
  • www.blasenkrebs-shb.de – Internetseite des Selbsthilfe-Bundes Blasenkrebs e. V., Mülheim/Ruhr: Bietet vielfältige Informationen für Betroffene und Angehörige sowie Erfahrungsberichte von Patienten.

Harninkontinenz

Harninkontinenz (Blasenschwäche): Unwillkürlicher Urinabgang, je nach bestehender Ursache Unterscheidung von fünf verschiedenen Formen. Betrifft vor allem ältere Menschen; sind jüngere Menschen betroffen, dann z. B. Frauen nach schweren Geburten oder Männer nach einer radikalen Prostataentfernung.

Wird die richtige Diagnose gestellt und die Inkontinenz von einem spezialisierten Arzt behandelt, ist die Therapie meist erfolgreich, zumindest erziehlt sie eine Besserung.

Leitbeschwerden

  • Unwillkürlicher Urinverlust, z. B. beim Husten, Laufen, Pressen oder bei starkem Harndrang
  • Brennen beim Wasserlassen und häufiger Harndrang infolge einer Blasenentzündung, da hier oft zeitweise eine Inkontinenz besteht
  • Urinabgang, wobei die Blase sich weiterhin voll anfühlt und schmerzt (bei Überlaufinkontinenz)
  • Bei zu geringer Trinkmenge: dunkler, konzentrierter und unangenehm riechender Urin.

Wann zum Arzt

In den nächsten Tagen, wenn die genannten Beschwerden neu auftreten oder sich verschlimmern.

Heute noch, wenn es zu unwillkürlichem Urinabgang kommt, verbunden mit dem Gefühl der weiterhin vollen Blase (Überlaufinkontinenz) oder wenn Fieber besteht.

Die Erkrankung

Drei Muskeln bzw. Muskelgruppen wirken bei der Speicher- und Entleerungsfunktion der Harnblase mit: der Blasenmuskel, der Harnblasenschließmuskel und der Harnröhrenschließmuskel. Der Blasenmuskel wird über das vegetative Nervensystem gesteuert. Erst wenn der vom Gehirn gesteuerte willentliche Entschluss zum Wasserlassen gegeben ist, zieht sich der Blasenmuskel zusammen. Gleichzeitig öffnet zu Beginn des Wasserlassens über einen Reflex der Harnblasenschließmuskel den Blasenauslass, so dass der Urin in die Harnröhre und schließlich in die Toilette fließt. Nur der Harnröhrenschließmuskel als Bestandteil der Beckenbodenmuskulatur kann willkürlich angespannt werden.

Differenzierung. Bei Harninkontinenz liegt eine Störung von mindestens einer der drei Muskelgruppen vor. Zusätzlich wirkt das vegetative Nervensystem vielfältig auf das Zusammenspiel der Muskelgruppen ein: So haben viele Betroffene erfahren, dass psychische Belastungen wie Stress und Konflikte die Inkontinenz verstärken, ebenso wie eine falsche Selbsttherapie, vor allem eine zu geringe Trinkmenge. Häufig treten auch zwei Inkontinenzformen kombiniert auf, allen voran die Dranginkontinenz zusammen mit der Belastungsinkontinenz, was die Diagnose für den Arzt erschwert. Jedoch ist die Festlegung auf eine der fünf Inkontinenzformen unerlässlich, weil sie sich in der Therapie stark unterscheiden.

www.salevent.de, Michael Amarotico, München
Die Ursachen der Inkontinenz verteilen sich bei Mann und Frau unterschiedlich.

Belastungsinkontinenz (Stressinkontinenz): Urinverlust, sobald der Druck im Bauchraum den Harnröhrendruck übersteigt, so z. B. beim Husten, Springen, Gehen, Pressen. Vorwiegend sind Frauen betroffen. Bei der Belastungsinkontinenz kommt es meist durch eine Senkung von Blase und/oder Enddarm zu einer Störung des Blasenverschlusses. Da der Blasenverschluss nun nicht mehr im Bereich der Beckenbodenmuskulatur liegt, kann er folglich nicht mehr von der Beckenbodenmuskulatur kontrolliert werden. Ursache ist entweder eine Beckenbodenschwäche nach Geburten, oder das Gewebe um die Harnröhre kann dem ausgeübten Druck nicht mehr standhalten (z. B. aufgrund eines Östrogenmangels während oder nach den Wechseljahren).

In manchen Fällen, wenn sich die Blase zu stark senkt und sich daher der Eintrittswinkel zur Harnröhre zu stark ändert, ist eine gestörte Blasenentleerung die Folge: Dabei handelt es sich also nicht um eine Inkontinenz, sondern um eine vermehrte Restharnmenge. Hier ist vor allem die genaue Diagnose beim Spezialisten entscheidend. Bei Männern tritt eine Belastungsinkontinenz praktisch nur nach Unfällen, einer radikalen Prostataentfernung oder einer kompletten Harnblasenentfernung mit Bildung einer Ersatzblase mit Darmanteilen auf.

Dranginkontinenz (Urge-Inkontinenz): Sehr starker und manchmal schmerzhafter Harndrang, gefolgt von Urinverlust. Die Dranginkontinenz ist meist durch einen überaktiven Blasenmuskel, eine verringerte Blasenkapazität oder einen akuten oder chronischen Reizzustand der Harnblase (Blasenentzündung) bedingt. Manchmal sind Harnblasenkrebs oder Harnblasensteine die Ursache, was der Urologe durch eine Harnblasenspiegelung abklärt. Drang- und Belastungsinkontinenz treten teilweise auch gemeinsam auf, auch der Übergang zur Reizblase ist fließend.

Überlaufinkontinenz (Überlaufblase): Urinverlust bei maximal gedehnter Blase infolge einer Abflussbehinderung – stellt daher eigentlich einen Harnverhalt dar –, am häufigsten bei einer Prostatavergrößerung. Mit zunehmender Blasenfüllung steigt der Druck in der Blase so sehr, dass Urin unwillkürlich in kleinen Portionen abgeht. Bleibt die Abflussbehinderung unbehandelt, führt die Störung der Blasenentleerung zu einer zunehmenden Überdehnung und Trägheit des Blasenmuskels und in der Folge zu einem kompletten Harnverhalt mit Schädigung der Blasenmuskulatur. Zudem steigt das Risiko für Blasenentzündungen und – durch die chronische Stauung des Urins bis zurück in die Nieren – für ein Nierenversagen.

Reflexinkontinenz (Reflexblase): Reflexartige Blasenentleerung bei neurologischen Grunderkrankungen, wie z. B. Rückenmarksverletzungen, bei denen die Nervenverbindung zwischen Rückenmark und Gehirn geschädigt bzw. unterbrochen ist. Sind die Nervenbahnen komplett unterbrochen, fehlt der Harndrang völlig, der Blasenmuskel zieht sich reflexartig von selbst zusammen und die Harnröhre öffnet sich, ohne dass die Betroffenen darauf Einfluss nehmen können. Es gibt jedoch auch abgeschwächte Formen, bei denen z. B. das Harndranggefühl erhalten ist.

Extraurethrale Inkontinenz: Urinverlust außerhalb der Harnröhre (oder besser des Harnröhrenschließmuskels) infolge angeborener Störungen wie etwa bei einem Harnleiter, der direkt in die Harnröhre unterhalb des Schließmuskels mündet, oder bei einer Blasen-Scheiden-Fistel (Verletzung der trennenden Schicht zwischen Blase und Scheide nach Unfällen oder Operationen). Bei dieser Form des Urinverlusts kann die Kontinenz nur durch eine Operation wiederhergestellt werden.

Das macht der Arzt

Die Diagnose gehört in die Hand eines Urologen oder Gynäkologen. Eine ausführliche Befragung des Patienten liefert dem Arzt meist schon entscheidende Hinweise auf die Art und das Ausmaß der Harninkontinenz. Ein Miktionsprotokoll hilft dabei, die Ursache einer Blasenschwäche zu erkennen. Darin notiert der Patient seine tägliche Trink- und Urinmenge sowie Situationen, in denen Urin abgeht, wie zum Beispiel beim Niesen.

Es folgt eine Untersuchung von Nieren und Harnblase per Ultraschall, um z. B. Steine oder eine erhöhte Restharnmenge auszuschließen. Eine verdickte Blasenwand weist auf eine chronische Abflussbehinderung, z. B. bei einer Prostatavergrößerung, oder eine neurologische Grunderkrankung hin.

Da eine Blasenentzündung eine Harninkontinenz verstärken oder vorübergehend auslösen kann, wird der Urin untersucht (Urinkultur ) und die Nierenwerte im Blut (Kreatinin), Harnstoff werden bestimmt. Bei Frauen ab etwa 45 Jahren ist auch eine Kontrolle des Östrogenspiegels sinnvoll.

Das Ausscheidungsurogramm und die Harnblasenspiegelung ermöglichen den Ausschluss angeborener Fehlbildungen sowie den Nachweis von Steinen und Tumoren. Bei der Blasenspiegelung führt der Arzt zusätzlich einen Stresstest durch: Nach Auffüllen der Harnblase mit Wasser wird die Patientin zum Husten aufgefordert, um die Verschlussfunktion der Harnröhre beurteilen zu können. Manchmal fällt dabei auch eine Senkung oder ein Vorfall der Gebärmutter auf.

Mit der Urodynamik findet der Arzt heraus, um welche Form der Harninkontinenz es sich handelt, und empfiehlt aufgrund der Messwerte, abgestimmt auf die Angaben aus dem Patientengespräch, die optimale Therapie. Das Harnröhrendruckprofil wird bei Verdacht auf eine Belastungsinkontinenz durchgeführt (dies betrifft vor allem Frauen, bei denen sich die Organe im Becken gesenkt haben).

Behandlung der Belastungsinkontinenz

Der Arzt empfiehlt in jedem Fall – auch wenn eine Operation geplant ist – ein intensives Beckenbodentraining. Außerdem verschreibt er der Patientin eine östrogenhaltige Salbe (z. B. Linoladiol®, OeKolp®) zur Verbesserung der Gewebebeschaffenheit von Scheide, Harnröhrenausgang und Harnröhrenverschluss, die gleichzeitig auch Harnwegsinfektionen vorbeugt.

Ein Medikament mit dem Wirkstoff Duloxetin (Yentreve®) kann bei Belastungsinkontinenz verschrieben werden, insbesondere dann, wenn durch das Beckenbodentraining keine Besserung erreicht wurde. Anfangs treten häufig Nebenwirkungen wie z. B. Übelkeit auf, die sich jedoch meist nach etwa 2 Wochen verlieren.

Wenn die Senkung der Beckenorgane stark ausgeprägt ist oder der Verschluss der Harnröhre schon geringem Druck nicht mehr standhält, reichen konservative Methoden allein nicht aus, um die Harninkontinenz in den Griff zu bekommen, sodass der Arzt zu einer Operation rät. Welches Verfahren er empfiehlt, hängt vom Einzelfall ab. Die erst 1996 eingeführte Schlingenplastik weist bei richtiger Indikation und Technik eine Erfolgsquote von ~ 85 % auf. Ziel aller Operationen ist, das Zusammenspiel von Beckenboden und Harnröhre bei der Kontinenzfunktion wiederherzustellen. Der Eingriff wird im Krankenhaus vorgenommen; die Patientin muss danach einige Tage im Krankenhaus bleiben, damit die Blasenfunktion über einen suprapubischen Blasenkatheter kontrolliert werden kann, der bei der Operation gelegt werden muss.

Behandlung der Dranginkontinenz

Ist die Dranginkontinenz nicht sehr ausgeprägt, empfiehlt der Arzt das Blasen- und/oder Toilettentraining. Dabei hält sich der Patient an regelmäßige Zeiten, zu denen er die Toilette aufsucht, um schließlich die Zeitabstände zwischen den Toilettengängen schrittweise zu verlängern.

Mit Medikamenten (Anticholinergika) wie Darifenacin (Emselex®), Tolterodin (Detrusitol®), Oxybutynin (Dridase®, Lyrinel®), Trospiumchlorid (Spasmex®) oder Solifenacin (Vesikur®) zur Dämpfung des Blasenmuskels oder des Harndrangs kann die Dranginkontinenz meist gut behandelt werden. Die meisten Anticholinergika werden einmal pro Tag eingenommen. Prinzipiell wirken diese Medikamente trotz unterschiedlicher Zusammensetzung ähnlich. Sie alle entspannen den Blasenmuskel. Weil dieser sich nicht mehr so stark zusammenzieht, vergrößern sich das Fassungsvermögen der Blase und die Zeitabstände zwischen den Toilettengängen. Nebenwirkungen sind Mundtrockenheit, Pupillenerweiterung, erhöhter Augeninnendruck, beschleunigter Herzschlag, Verstopfung und erhöhte Restharnbildung und damit ein erhöhtes Risiko für Harnwegsinfekte. Unter Anticholinergika-Therapie werden regelmäßige ärztliche Kontrollen des Restharns durch eine kurze Ultraschalluntersuchung empfohlen. Bei Nebenwirkungen ist es sinnvoll, ein anderes Präparat zu probieren. Bei Herzrhythmusstörungen oder einem erhöhten Risiko für Harnverhalt sind Anticholinergika kontraindiziert.

Oxybutynin gibt es für Patienten mit Schluckbeschwerden auch als Pflaster, das zweimal pro Woche auf den Bauch, die Hüfte oder den Oberschenkel aufgeklebt wird.

Bei bestimmten Formen des Grünen Stars und erhöhtem Augendruck sollten diese Medikamente nicht oder nur unter regelmäßiger augenärztlicher Kontrolle eingenommen werden.

Mit dem Beginn der Wechseljahre ist es für Frauen oft zweckmäßig, Östrogenpräparate in Form von Cremes oder Scheidenzäpfchen im Bereich von Scheide und äußerer Harnröhrenöffnung anzuwenden. Dadurch verbessert sich das „Gewebepolster“ um die Harnröhre, die Harnröhre ist nicht mehr so beweglich und ein dadurch ausgelöster Harndrang wird vermindert.

Jedoch ist es nicht möglich, mit einer Hormonersatztherapie in den Wechseljahren der Frau vorsorglich einer Harninkontinenz entgegenzusteuern. Neuere Studien ergaben sogar, dass wiederum das Risiko um mindestens ein Drittel ansteigt, in späteren Jahren eine Harninkontinenz zu entwickeln. .

Ist trotz Blasentraining und Einnahme von Medikamenten keine Besserung in Sicht, sollte eine komplementärmedizinische Therapie wie Akupunktur, Homöopathie oder die Neuraltherapie in Erwägung gezogen werden.

Behandlung der Überlaufinkontinenz

Ziel ist, zunächst die vollständige Blasenentleerung zu ermöglichen, sei es über einen Dauerkatheter oder den mehrmals täglichen Einmalkatheterismus (einmaliges Ablassen des Urins über einen Katheter). Anschließend muss der Arzt die Ursache für die Überlaufinkontinenz abklären und diese – falls möglich – beseitigen, z. B. im Rahmen einer Operation zur Beseitigung einer Prostatavergrößerung.

Behandlung der Reflexinkontinenz

Bei Reflexinkontinenz ist der Einmalkatheterismus die Therapie der Wahl, durchgeführt vom Patienten selbst oder von einer Pflegekraft – eventuell kombiniert mit einer medikamentösen Blasendämpfung. Das Risiko einer Schädigung der Nieren ist oft durch einen enorm erhöhten Blasendruck und den dadurch ausgelösten vesikorenalen Reflux erhöht. Deshalb sind regelmäßige urodynamische Messungen zwingend erforderlich. Ein Katheter zur Dauerableitung (Dauerkatheter) des Urins sollte nur in Ausnahmefällen und auch nur vorübergehend gelegt werden, denn es besteht eine erhöhte Gefahr für die Entwicklung einer Schrumpfblase oder einer Infektion.

Da in den Zeitabschnitten zwischen den Blasenentleerungen mittels Katheter wegen des überaktiven Blasenmuskels häufig noch ein geringer Urinverlust auftritt, bietet sich für Männer ein Kondomurinal als Lösung an. Ähnlich einem normalen Kondom wird es über den Penis gestreift und über einen Schlauch mit einem Ablaufbeutel verbunden, der am Oberschenkel befestigt ist (Beinbeutel). Die für Frauen angebotenen Auffangsysteme sind leider weniger ausgereift.

Selbsthilfe

  • Auch wenn es Ihnen peinlich ist − reden Sie über Ihre Inkontinenzbeschwerden: mit Angehörigen, Freunden und natürlich mit Ihrem Arzt. Meist sind Freizeitaktivitäten oder ein Urlaub mit etwas Unterstützung und guter Planung weiterhin möglich.
  • Verbieten Sie es sich, Kontakte zu anderen Menschen wegen Ihrer Inkontinenzprobleme abzubrechen, und versuchen Sie Ihre Hobbys weiter zu pflegen.
  • Trinken Sie ausreichend (2–2,5 l pro Tag) − zu wenig Flüssigkeit reduziert zwar die lästigen Toilettenbesuche, fördert jedoch Infektionen der Nieren und der Blase, weil Bakterien, die immer in kleinsten Mengen in die Harnwege eindringen, nicht mehr ausgespült werden.
  • Entleeren Sie Ihre Blase vor dem Schlafengehen vollständig. Viele Betroffene kommen gut damit zurecht, sich den Wecker zu stellen, um einmal nachts zur Toilette zu gehen. Andere bevorzugen in der Nacht dicke Slipeinlagen, Inkontinenzeinlagen oder Inkontinenzslips, die es in allen Größen und Stärken in Apotheken und im Sanitätsfachhandel gibt.
  • Hat der Arzt bei Ihnen eine Beckenbodenschwäche festgestellt, dann führen Sie regelmäßig spezielle Übungen im Rahmen des Beckenbodentrainings durch. Die Beschwerden lassen sich dadurch bei vielen Betroffenen deutlich bessern. Achten Sie auf Ihr Gewicht und Ihre Verdauung: Ernähren Sie sich ausgewogen, denn Übergewicht und Verstopfung können eine Beckenbodenschwäche verstärken.
  • Bewegung stärkt Körper und Geist und mildert oft leichtere Inkontinenzbeschwerden. Ihr Arzt kann mit Ihnen besprechen, welche Sportart am besten geeignet ist.

Weiterführende Informationen

  • www.inkontinenz-selbsthilfe.com – Internetseite des bundesweit tätigen Inkontinenz Selbsthilfe e.V., Pohlheim: Zahlreiche Infos und (Literatur-)Tipps, z. B. zu Hilfsmitteln, bietet auch weiterführende Links.
  • www.kontinenz-gesellschaft.de – Internetseite der Deutschen Kontinenz-Gesellschaft e. V., Kassel: Bietet Facharztinformationen, verständlich aufbereitetes Fachwissen für Betroffene und Pflegende sowie ein Miktionstagebuch zum Bestellen oder als PDF zum Herunterladen. Mit Adressen von Selbsthilfegruppen, ärztlichen Beratungsstellen, Literatur und Links.
  • M. Goepel: Patientenratgeber Blasenstörungen bei Erwachsenen und Kindern. Springer, 2001. Bietet viele Informationen zum Umgang mit Harninkontinenz sowie Tipps zu sozialen und rechtlichen Fragen.
  • H. Höfler: Beckenbodengymnastik. BLV, 2007. Mit bebilderten Trainingsanleitungen für Mann und Frau.
  • H. Gotved: Erfolgreiche Hilfen gegen Harninkontinenz. Trias, 2003. Sehr guter und ausführlicher Ratgeber, der viele alltagstaugliche Tipps gibt und ein Beckenboden-Trainingsprogramm bietet.
  • B. Sachsenmaier: Inkontinenz. Hilfen, Versorgung und Pflege. Schlütersche, 1991. Fachlich fundierter Ratgeber, der alle Pflegeaspekte bei Harn- und Stuhlinkontinenz abdeckt und eine ausführliche Auflistung der Hilfsmittel bietet.

Harnröhrenentzündung

Harnröhrenentzündung (Urethritis): Entzündung der Harnröhrenschleimhaut. Die Erreger, meist Bakterien, geraten manchmal vom Enddarm in die Harnröhre. Sie können aber auch von außerhalb des Körpers stammen. Meistens werden sie beim Geschlechtsverkehr übertragen, nur selten über Handtücher oder in Schwimmbädern und Whirlpools.

Bei Frauen werden Harnröhrenentzündungen häufig durch mechanische Reize ausgelöst (z. B. bei wiederholtem Geschlechtsverkehr, ähnlich der Honeymoon-Zystitis). Auch der Abgang von Harngrieß – kleinen Harnsteinchen – über die Harnröhre kann eine Entzündung auslösen. Häufig sind bei Frauen gleichzeitig die Geschlechtsorgane oder die Blase entzündet. Dies ist beim Mann selten. Rechtzeitig behandelt, klingt die Harnröhrenentzündung rasch ab.

Beim Mann sind die Beschwerden meist ausgeprägter als bei der Frau; sie können auch chronisch werden. Bei einer chronischen Harnröhrenentzündung droht eine Harnröhrenverengung; sie kann aber umgekehrt auch durch sie ausgelöst werden.

Leitbeschwerden

  • Brennen und Jucken in der Harnröhre
  • Schmerzen und Brennen beim (meist gehäuften) Wasserlassen
  • Bei Männern meist deutlicher Ausfluss, morgens am stärksten.

Wann zum Arzt

Heute noch, wenn es zu eitrigem Ausfluss aus der Harnröhre kommt.

Die Erkrankung

Oft wird die Harnröhrenentzündung durch sexuell übertragbare Erreger wie Neisseria gonorrhoeae (Gonokokken), Chlamydien, Trichomonaden oder Mykoplasmen ausgelöst. Die Entzündung führt zu Jucken und Brennen beim Wasserlassen und es kommt zum Ausfluss aus der Harnröhre.

Das macht der Arzt

Der Ausfluss aus der Harnröhre liefert dem Arzt erste Hinweise auf den möglichen Krankheitserreger. Um eine sichere Diagnose zu stellen, muss mit einem Tupfer ein Harnröhrenabstrich vorgenommen und im mikrobiologischen Labor untersucht werden. Dieser Abstrich ist für Männer unangenehmer als für Frauen und dient dazu, die Erreger zu identifizieren. Die Behandlung erfolgt mit einem entsprechenden Antibiotikum. Auch wenn der Partner oder die Partnerin keine Beschwerden hat, wird er oder sie bei sexuell übertragbaren Erregern mitbehandelt. Auch eine separate Untersuchung des Partners ist empfehlenswert, um zusätzliche Infektionen mit weiteren Bakterien oder Pilzen auszuschließen, da Mischinfektionen mit verschiedenen Erregern nicht selten sind.

Harnröhrenklappen

Harnröhrenklappen (Urethralklappen): Angeborene Schleimhautfalten im oberen Anteil der Harnröhre, die den Harnabfluss aus der Harnblase behindern. Sie treten ausschließlich bei Jungen auf. Die Anzeichen sind oft uncharakteristisch (abgeschwächter Harnstrahl, Nachtröpfeln, Einnässen, Erbrechen, Bauchschmerzen, Gedeihstörung, Minderwuchs), sodass die Diagnose oft erst spät gestellt wird. Hingegen wird bei ausgeprägten Formen mit Rückstau des Urins bis in die Nieren dies bereits im Rahmen der vorgeburtlichen Ultraschalluntersuchungen festgestellt, und unmittelbar nach der Geburt des Kindes wird mit der Therapie begonnen.

Die operative Entfernung der Harnröhrenklappen ist immer erforderlich, um weitere Schädigungen der Nieren zu verhindern. Bei ausgeprägten Formen sollte der Eingriff möglichst innerhalb des 4.–6. Lebensmonats erfolgen.

Je stärker sich der Harn staut, umso mehr werden Nieren und ableitende Harnwege durch Ausweitung des Gewebes und aufsteigende Bakterien geschädigt. Wird die Diagnose erst spät gestellt, haben ~ 40 % der Patienten bereits bleibende Schäden am Harntrakt. Höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass bereits eine Nierenfunktionsstörung besteht (chronisches Nierenversagen). Liegt die Nierenfunktion zum Zeitpunkt der Diagnose unter 30 %, kommt es meist nach 5–10 Jahren zum endgültigen Nierenversagen.

Harnröhrenverengung und -striktur

Harnröhrenverengung (Harnröhrenenge, Urethrastenose): Angeborene Verengung der Harnröhre; tritt bei Mädchen vor allem im unteren Harnröhrendrittel auf (Meatusstenose), bei Jungen meist in den oberen Abschnitten der Harnröhre. Eine erworbene Verengung der Harnröhre durch Entzündung oder Verletzung wird als Harnröhrenstriktur bezeichnet. Die Anzeichen sind uncharakteristisch: häufiger Handrang, Brennen beim Wasserlassen, abgeschwächter Harnstrahl, Einnässen.

Ist die Blasenentleerung deutlich gestört, wird endoskopisch operiert: Dazu kerbt der Arzt mit einem winzigen Messer die Harnröhrenschleimhaut ein. Danach legt er für 1–2 Tage einen Katheter in die Harnröhre, um den aufgeweiteten Zustand zu erhalten. Problematisch sind nach der Operation sich bildende Narben, die – je nach vorherigem Grad der Enge und Anzahl der Operationen – bei 30–60 % der Betroffenen eine erneute Verengung begünstigen. Um dies zu verhindern, wird oft nach der Operation vorsorglich die Harnröhre in regelmäßigen Abständen „bougiert“, d. h., sie wird durch einen Katheter oder einen Metallstift (Bougie) aufgeweitet.

Bei einer sehr ausgeprägten Harnröhrenverengung ist oft eine aufwendigere Operation notwendig, bei der die Harnröhre freigelegt und manchmal der Gewebedefekt zusätzlich mit z. B. körpereigenen Hautlappen bedeckt wird.

Interstitielle Zystitis

(Chronische) Interstitielle Zystitis (IC, nicht bakterielle Blasenentzündung, Syndrom der schmerzenden Blase): Chronische Entzündung der tieferen Blasenwandschichten ohne bakterielle Beteiligung, geprägt von sehr häufigem, nicht beherrschbarem Harndrang. Zu 90 % sind Frauen im Alter zwischen 40 und 60 Jahren betroffen. Die Ursache ist unklar, die Therapie schwierig.

Leitbeschwerden

  • Der Zwang, auf die Toilette zu gehen – bis zu 50-mal täglich –, beherrscht den Alltag.
  • Schlafmangel durch nächtliche Toilettengänge.
  • Blasenschmerzen bzw. Schmerzen im Unterbauch bessern sich nach der Blasenentleerung nur für kurze Zeit.
  • Häufig gleichzeitig Schmerzbeschwerden an anderer Stelle wie migräneartige Kopfschmerzen, rheumaartige Gelenkschmerzen, Magen- oder Darmschmerzen.
  • Diese oft als unerträglich erlebten Schmerzen können monatelang andauern, aber in Art und Häufigkeit wechseln (fluktuieren).

Die Erkrankung

Der Begriff „interstitielle Zystitis“ weist darauf hin, dass hier nicht die Blasenschleimhaut, sondern vielmehr die tieferen Zwischenräume in der Blasenwand entzündet sind. Als Ursache dieser Erkrankung werden frühere Blasenentzündungen, eine unzureichende Schutzfunktion der Blasenschleimhaut als Barriere gegen Bakterien, äußere Schadstoffe und neurologische, hormonelle, gefäßbedingte Störungen sowie allergische oder rheumatologische Erkrankungen vermutet. In jedem Fall aber ist die interstitielle Zystitis keine psychosomatische Erkrankung. Die psychischen Veränderungen, die die Betroffenen an sich und die Ärzte an ihnen feststellen, bedeuten eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität und -führung und sind Folge der Erkrankung – nicht umgekehrt.

Das macht der Arzt

In der Regel vermutet der Urologe zunächst anhand der Beschwerden, dass es sich um eine akute oder chronische Blasenentzündung handelt. Wenn aber keine Bakterien oder weißen Blutkörperchen im Urin nachweisbar sind, steht die Verdachtsdiagnose „interstitielle Zystitis“ im Raum; beweisend ist eine Harnblasenspiegelung, die unter Vollnarkose durchgeführt wird. Liegt tatsächlich eine interstitielle Zystitis vor, zeigen sich bei Blasenfüllung punktförmige Einblutungen in der Blasenwand, manchmal auch kleine Geschwüre. Mit einer Blasenbiopsie (Entnahme von Blasengewebe) kann eine Vermehrung von weißen Blutkörperchen und Bindegewebsfasern in den tieferen Blasenwandschichten nachgewiesen werden.

Es gibt verschiedene therapeutische Ansätze, die aber allesamt nur einem Teil der Betroffenen helfen:

  • Das Dehnen der Blase mit Wasser unter Vollnarkose
  • Das Einspritzen von Medikamenten über einen Katheter in die Blase, so z. B. DMSO (Dimethylsulfoxid), um die Entzündung zu hemmen.
  • Die Verabreichung von Pentosanpolysulfat oder von Heparin als Spritzen subkutan, um die Schutzschicht der Blase wiederherzusellen.
  • Die Einnahme verschiedener Medikamente, z. B. speziell auf die Blase einwirkende Psychopharmaka oder Schmerzmittel (NSAR), die aber nicht immer die erhoffte Wirkung erzielen
  • Die operative Entfernung von Teilen der Blase und Vergrößerung des Fassungsvermögens durch Darmteile, wenn alle anderen Therapien erfolglos bleiben.

Auch die psychische Begleitung, etwa durch einen verständnisvollen Hausarzt, ist wichtig, obwohl eine Notwendigkeit zur Psychotherapie nicht generell besteht.

Weiterführende Informationen

  • www.ica-ev.de – Deutsche Internetseite der Internationalen Interstitiel Cystitis Association, Euskirchen: Bietet zahlreiche aktuelle Informationen, Wegweiser zur Therapie sowie Broschüren zum Herunterladen.

Reizblase

Reizblase (vegetative Reizblase, [psychosomatisches] Urethralsyndrom): Krankheitsbild mit Beschwerden der Dranginkontinenz und/oder der Blasenentzündung, jedoch ohne krankhaften Befund. Die Ursache ist unklar, ein chronischer Reizzustand gilt als der Boden der Erkrankung. Es können seelische (psychosomatische) Probleme hinzutreten, damit die Reizblase entsteht – „die Blase schafft es nicht mehr“. Es sind nahezu ausschließlich Frauen betroffen, sodass wahrscheinlich auch hormonelle Veränderungen eine Rolle spielen. Die Therapie ist schwierig und umfasst sowohl eine psychotherapeutische Behandlung als auch Elemente der Dranginkontinenz-Therapie.

Ob die Reizblase ein eigenes Krankheitsbild darstellt, ist umstritten. Für einige Wissenschaftler ist es identisch mit der Dranginkontinenz, andere sprechen von der Reizblase als „Verlegenheitsdiagnose“. .

Leitbeschwerden

  • Häufiger und starker, plötzlicher Drang zum Wasserlassen – auch nachts – mit nur kleinen Urinmengen
  • Keine (oder nur leichte) Schmerzen beim Wasserlassen
  • Eventuell krampfartige Blasenschmerzen
  • Gelegentlich unkontrollierter Abgang von kleinen Urinmengen, meist jedoch beherrschbar.

Die Beschwerden nehmen meist über viele Wochen zu oder sie bleiben als „Restzustand“ nach einer Blasenentzündung. Sie schwanken in ihrer Intensität und sind vom übrigen Wohlbefinden abhängig.

Die Erkrankung

Nach Meinung vieler Experten ist die Erkrankung Folge eines chronischen Reizzustands der Blase, die durch vorangegangene Entzündungen, chronischen Berufs- oder Beziehungsstress oder gelegentlich auch nach medizinischen Eingriffen, wie z. B. nach der Bestrahlung eines gynäkologischen Tumors, das komplizierte Zusammenspiel von Blasenfüllung und -entleerung „verlernt“ hat. Aktuellere Forschungsergebnisse deuten einen psychoimmunologischen Prozess an, was bedeutet, dass die psychische Grundproblematik (etwa Stress) sich auf das vegetative Nervensystem auswirkt und zu einer Schwächung der Abwehrkräfte führt – aber nur in der Blasenwand. Hinzu kommt eine Fehlsteuerung der Blasenmuskeln, die sowohl Blasenentzündungen als auch der Inkontinenzproblematik den Boden bereitet. Da das vegetative Nervensystem beteiligt ist, wird die Reizblase als funktionelle Störung angesehen und nicht als organische, denn das Organ Blase ist nicht krankhaft verändert.

Das macht der Arzt

Zunächst klärt der Arzt in einem Gespräch mit der Patientin die Beschwerden. Da sich die Beschwerden aber nicht ohne Weiteres vom Krankheitsbild der Blasenentzündung oder Harninkontinenz abgrenzen lassen, untersucht der Arzt den Urin auf Bakterien (Urinkultur) und/oder Urinsediment, um eine Blasenentzündung auszuschließen.

Als Nächstes führt der Arzt eine Harnblasenspiegelung durch, um eventuell andere organische Ursachen, also Erkrankungen wie z. B. die interstitielle Zystitis oder einen Blasentumor, als Verursacher der Beschwerden zu identifizieren.

Findet der Arzt keine eindeutigen Krankheitsbefunde, so spricht man von einer Reizblase. Sie ist in der gynäkologischen und urologischen Praxis eine Ausschlussdiagnose – sie bleibt also übrig, wenn sich bei den Untersuchungen keine greifbare Erkrankung (mit organischem Befund) ergeben hat.

Die Reizblase von der Blasenentzündung und der Harninkontinenz klar abzugrenzen ist besonders schwierig, wenn die Patientin zwar gelegentlich an Blasenentzündungen erkrankt, dies aber nicht ihre Beschwerden erklärt und ein Therapieversuch gegen Blasenentzündung die Beschwerden auch nicht beseitigt.

Die Behandlung ist langwierig und ohne aktive Mitwirkung der betroffenen Patientin fast immer erfolglos. Im Zentrum steht die psychosomatische Therapie, etwa in Form einer Gesprächspsychotherapie, um der Patientin die meist bestehenden ungelösten Konflikte bewusst zu machen und ihr zu helfen, Lösungen zu entwickeln und ihre Konfliktfähigkeit zu verbessern. Durch ein Blasentraining lässt sich der Harndrang abschwächen und der Zeitraum zwischen zwei Toilettengängen erheblich verlängern.

Auch anticholinerge Medikamente, die ebenfalls bei der Dranginkontinenz eingesetzt werden, können die Beschwerden lindern. Pflanzliche Arzneimittel enthalten meist Wirkstoffe aus Kürbis, Brennnesseln, Sägepalme oder Echter Goldrute.

Bei ausgeprägten Beschwerden kann die Injektion von Botulinum-Toxin (Botox) in die Blasenmuskulatur erwogen werden. Die Injektion muss alle 6 Monate wiederholt werden.

Einige Mediziner empfehlen zur Behandlung der Reizblase eine Magnetfeldtherapie. Dabei werden Magnetfelder erzeugt, die die Durchblutung und den Zellstoffwechsel in der Blase anregen und die Schmerzen lindern. Dadurch soll der Harndrang abnehmen und das Wasserlassen erleichtert werden. Die Wirkung ist nicht wissenschaftlich gesichert.

Selbsthilfe

Ist die Dranginkontinenz nicht sehr ausgeprägt, empfiehlt der Arzt das Blasen- und/oder Toilettentraining. Dabei hält sich der Patient an regelmäßige Zeiten, zu denen er die Toilette aufsucht, um schließlich die Zeitabstände zwischen den Toilettengängen schrittweise zu verlängern.

Spaltblase

Spaltblase (Blasenekstrophie): Mangelhafter Verschluss der Bauchdecke unterhalb des Nabels sowie der Vorderwand von Harnblase und Harnröhre während der embryonalen Entwicklung. Sie wird per Ultraschall bereits während der Schwangerschaft erkannt.

Die erste Operation wird innerhalb der ersten 24–72 Lebensstunden durchgeführt, um die Blase zu verschließen. Damit das Kind später trocken werden kann, ist nach 2–5 Jahren mindestens eine weitere Operation notwendig, um Harnblase, Harnröhre und Harnleitermündungen zu rekonstruieren. Falls dies nicht möglich ist, werden die Harnleiter alternativ in den Darm eingepflanzt: So wird beim Betroffenen der After als kontrollierbares Kontinenzorgan genutzt. Hier droht seltener eine Harninkontinenz als in den Fällen, in denen die Harnblase rekonstruiert wurde, doch treten insgesamt häufiger Komplikationen auf. Im Einzelfall sind also Vor- und Nachteile der Operationsmethoden gut abzuwägen.

Vesikorenaler Reflux

Vesikorenaler Reflux (VRR, vesikoureteraler Reflux = VUR, Uretero-Ostiuminsuffizienz): Rückfluss von Urin in die Harnleiter, zum Teil auch bis in das Nierenbecken. Ursache ist das Versagen des Ventilmechanismus zwischen einem oder beiden Harnleitern und der Harnblase, wobei dieser Defekt meist angeboren ist. Eine nicht normal ausgebildete Harnleitermündung in die Harnblase ist die häufigste Fehlbildung der ableitenden Harnwege und tritt etwa bei 1 von 200 Neugeborenen auf. Mädchen sind viermal häufiger betroffen als Jungen. Beschwerden entstehen vorrangig durch ständige Blasenentzündungen. Da ein geringgradiger vesikorenaler Reflux bei Kindern häufig von selbst ausheilt, wird im günstigen Fall eine operative Korrektur aufgeschoben. Häufig wird bakteriellen Infektionen mit Antibiotika vorgebeugt.

Leitbeschwerden

Bei Säuglingen und Kleinkindern:

  • Schlechtes Gedeihen mit Untergewicht und Blässe
  • Fieber
  • Wiedereinnässen
  • Erbrechen, Durchfall, Bauchschmerzen.

Bei größeren Kindern und Erwachsenen:

  • Brennen beim Wasserlassen, Harndrang
  • Übelriechender Urin
  • Schmerzen in der Nierengegend
  • Flankenschmerz, besonders bei voller Blase oder während des Wasserlassens
  • Gelegentlich auch Wasserlassen in zwei Etappen, oft mit krampfhaften Schmerzen (zweizeitige Miktion).

Wann zum Arzt

In den nächsten Tagen bei den genannten Beschwerden ohne Fieber.

Heute noch bei Flankenschmerzen oder Fieber.

Die Erkrankung

Die Mündungsstellen der beiden Harnleiter in die Harnblase sind so geformt, dass ein Ventil entsteht, durch das der in den Nieren produzierte Urin problemlos in die Harnblase abfließt und daran gehindert wird, wieder in die Harnleiter zurückzufließen. Das Ventil funktioniert dadurch, dass jeder Harnleiter wie ein Tunnel längs innerhalb der Harnblasenwand verläuft. Bei einer Fehlentwicklung mit kurzem senkrechtem Verlauf der Harnleiter durch die Blasenwand ist die Ventilfunktion unzureichend.

Aber nicht nur Fehlbildungen, auch eine starke Druckerhöhung in der Blase führt zum vesikorenalen Reflux. Mögliche Ursachen sind neurologische Störungen der Blasenentleerung oder ein Abflusshindernis in der Harnröhre durch Harnröhrenklappen oder Harnröhrenverengungen, wodurch es zum Stau des Urins in der Blase kommt. Auch eine chronische Blasenentzündung kann den Ventilmechanismus beeinträchtigen.

Da beim Reflux das regelmäßige Ausspülen der Harnwege mit dem Urinfluss beeinträchtigt ist und Urin im Harnleiter zwischen Blase und Niere „pendelt“, haben Bakterien ideale Voraussetzungen, um Blasenentzündungen zu verursachen. Führen diese zu wiederholten Nierenbeckenentzündungen, werden die Nieren stark geschädigt.

Langfristig kann die Nierenfunktion so massiv beeinträchtigt werden, dass die Dialyse unumgänglich ist. Zudem droht eine überschießende Freisetzung der blutdrucksteigernden Hormone Renin und Angiotensin und dadurch ein unbeherrschbarer Bluthochdruck.

Ohne Ausweitung der Harnleiter heilt ein vesikorenaler Reflux bei Kindern im Verlauf des Körperwachstums bis zum 10. Lebensjahr häufig spontan aus. Sind die Harnwege oder die Harnleitermündung erweitert, ist die selbstständige Ausheilung nur noch in 30 % der Fälle zu beobachten.

Das macht der Arzt

Der Verdacht auf einen vesikorenalen Reflux erhärtet sich meist bei der Untersuchung mit Ultraschall, die bei der Blasenentzündung im Kindesalter angezeigt ist. Zum Nachweis des Reflux und der Bestimmung des Schweregrads dient das Miktionszysto-Urethrogramm. Abschließend erfolgt eine Harnblasenspiegelung zur Beurteilung von Form, Größe und Lage der Harnleitermündungen und zur Festlegung der weiteren Therapie.

Besteht ein nur mäßiger Reflux, sodass der Urin nicht bis in die Niere zurückstaut, empfiehlt der Arzt zur Vorbeugung von Blasenentzündungen die dauerhafte Einnahme eines niedrig dosierten Antibiotikums. Vierteljährlich wird mit einem Urintest überprüft, ob sich neue Bakterien angesiedelt haben (darüber hinaus immer dann, wenn Beschwerden einer Blasenentzündung auftreten). Entwickelt sich trotz der Antibiotikatherapie immer wieder eine Blasenentzündung, wird operiert.

Bei einem höhergradigen Reflux mit völlig unzureichendem Ventilmechanismus der Harnleitermündung wird sofort operiert. Dabei wird der Harnleiter an seinem unteren Ende von der Blase abgetrennt und mit einem verbesserten Verschlussmechanismus wieder in die Blase „eingepflanzt“ (antirefluxive Harnleiter-Neuimplantation). Die Erfolgsrate liegt bei 95 %. Bis der Reflux vollständig ausgeheilt ist, wird das betroffene Kind vorsorglich mit einem niedrig dosierten Antibiotikum behandelt, um Infektionen vorzubeugen. Die weitere Nachsorge besteht aus regelmäßigen Kontrollen des Urins, Ultraschalluntersuchung von Nieren und Harnleitern und Blutdruckkontrollen bis ins Jugendalter.

Vorsorge

Beim vesikorenalen Reflux ist ein zweifaches Wasserlassen kurz hintereinander ratsam, da beim ersten Wasserlassen ein Teil des Urins beim Anspannen des Blasenmuskels in Richtung Niere zurückfließt. Um sich dieser Restmenge – zumindest zum großen Teil – zu entledigen, wird eine Minute später nochmals wassergelassen. Das beugt Blasenentzündungen vor.

Für Geschwister betroffener Kinder wird eine Ultraschalluntersuchung der Nieren und ableitenden Harnwegen empfohlen, da ~ 30 % ebenfalls einen Reflux aufweisen.

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